Aufklärungskritik als metaphysische Denunziation.
Über den Begriff der Aufklärung bei Horkheimer und Adorno

Eckhart Arnold

1 Einleitung
2 Eine Klarstellung: Aufklärung ist nicht totalitär
3 Die Begründungsdefizite der „Dialektik der Aufklärung“
    3.1 Naturwissenschaftliches Denken als „disponierendes Denken“
    3.2 Der Zusammenhang von Aufklärung und Mythologie
    3.3 Das verarmte Weltbild der positivistischen Philosophie
    3.4 Die Fragwürdigkeit der Beispiele von Horkheimer und Adorno
4 Ergebnis
Literaturverzeichnis

3.4 Die Fragwürdigkeit der Beispiele von Horkheimer und Adorno

Soweit die „Argumente“, die Adorno und Horkheimer ins Feld führen. Wie verhält es sich mit Beispielen? Wenn jemand in einer philosophischen Abhandlung behauptet, dass Aufklärung dasselbe ist wie Mythologie, und dass sie (deshalb?) in die Barbarei führt, dann liegt es nahe, Beispiele von aufklärerischen Philosophen anzuführen, bei denen sich die Mythologie und die barbarischen Tendenzen besonders deutlich zeigen. Und in der Tat führen Adorno und Horkheimer in ihrem Buch auch einige Philosophen an. Das Sonderbare ist nur, dass die Philosphen, die sie anführen, entweder keine Aufklärer sind, oder dass sie, wenn es Aufklärer sind, von Adorno und Horkheimer in genau derselben fragwürdigen und unfairen Weise fehlinterpretiert werden, die weiter oben schon an Adornos und Horkheimer Darstellung des Zusammenhangs von Aufklärung und Mythologie (Seite 3.2) kritisiert wurde.

Die beiden Philosophen, die von Adorno und Horkheimer am ausführlichsten diskutiert werden, sind der Marquis de Sade und Friedrich Nietzsche. Daneben wird auch Immanuel Kant recht häufig erwähnt. (Auf den Neupositivismus gibt es zahlreiche Anspielungen, aber kaum namentliche Erwähnungen.) Nun sind allerdings weder der Marquis de Sade noch Friedrich Nietzsche besonders aufklärerische Philosophen. Beiden ist höchstens gemeinsam - und hier könnte man allenfalls eine schwache Verbindung zur Aufklärung herstellen - dass sie die Emanzipation von den tradierten sittlichen Normen predigen. Nur setzen sie an die Stelle der tradierten Normen eine Moral, die kein Aufklärer jemals vertreten würde. So fordert der Marquis de Sade vollkommene Straflosigkeit für jede Art von Sexualverbrechen (und auch noch für einige andere Verbrechen), während Nietzsche die bekannte Herrenmenschenethik vertritt.[24] Wie können Nietzsche und der Marquis de Sade dann aber mit der Aufklärung in Verbindung gebracht werden? Die Antwort lautet, dass sie nach der Ansicht Adornos und Horkheimers in geradezu idealtypischer Weise einen der inneren Widersprüche der Aufklärung zum Ausdruck bringen. Dieser Widerspruch besteht darin, dass sich durch aufklärerisches Denken das Letztbegründungsproblem der Ethik nicht lösen lässt. Während die Aufklärer dieses Problem aber in einer unehrlichen Weise vertuschen (z.B. Kant, der sich hinsichtlich seines kategorischen Imperativs auf ein „Faktum der Vernunft“ beruft), haben der Marquis de Sade und Nietzsche offen die Konsequenzen daraus gezogen.:

Die Unmöglichkeit, aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen Mord vorzubringen, nicht vertuscht, sondern in alle Welt hinaus geschrieen zu haben, hat den Haß entzündet, mit dem gerade die Progressiven Sade und Nietzsche heute noch verfolgen. Anders als der logische Positivismus nehmen beide die Wissenschaft beim Wort. (Adorno/Horkheimer 1947, S. 127)

Auffällig ist, nebenbei bemerkt, an dieser Passage, dass Adorno und Horkheimer den „Progressiven“ (die wieder einmal anonym bleiben) keine Chance lassen: Empören sich die „Progressiven“ über Nietzsche und de Sade, dann wissen Aodrno und Horkheimer (woher eigentlich?), dass es sich dabei um pure Heuchelei handelt. Täten sie es nicht, dann würden sie erst recht die These von einer „Dialektik der Aufklärung“ bestätigen.

Aber, abgesehen davon, haben nicht Adorno und Horkheimer vielleicht recht? Ist es nicht tatsächlich eine Schwäche der Aufklärung, dass sie das Letztbegründungsproblem der Ethik mit der Vernunft nicht lösen kann? Dagegen ist Folgendes einzuwenden: Wie auch immer man die Lösbarkeit und Unlösbarkeit des Letztbegründungsproblems beurteilen mag, wenn es nicht mit der Vernunft gelöst werden kann, dann gibt es auch keine andere Möglichkeit es zu lösen. Insbesondere ist es nicht möglich, das Letztbegründungsproblem religiös (oder mythisch) zu lösen, denn mit Berufung auf die Religion lässt sich jede Moral, eine so gut wie die andere rechtfertigen, ohne dass irgendwelche bestimmten moralischen Normen auf diese Weise als die einzig gültigen ausgezeichnet werden könnnten.[25] Schlechterdings jede Moralphilosophie hat das Problem, dass sie ihre Normen nicht letztbegründen kann. Nur tritt diese Tatsache in manchen Philosophien offener zu Tage als bei anderen. Dann kann die Unlösbarkeit des Letztbegründungsproblems kein Aspekt des Prozesses sein, den Adorno und Horkheimer als „Dialektik der Aufklärung“ bezeichnen. Ist dies aber einmal zugestanden, so erscheint es höchst zweifelhaft, Nietzsche und den Marquis de Sade zu konsequenten Vollendern aufklärerischer Moralphilosophie zu stilisieren. Dass sind sie beileibe nicht, denn diejenigen moralischen Normen, die sie vorgeschlagen haben, stehen in schärfstem Widerspruch zu den Werten, die die Philosophen der Aufklärung vertraten.

Man kann mit Einschränkungen behaupten, dass die Unlösbarkeit des Letztbegründungsproblems von vielen Vertretern des modernen Positivismus zumindest stillschweigend zugestanden wird.[26] Aber wenn Adorno und Horkheimer den Positivisten daraus einen Strick drehen wollen, dann müssen sie sich fragen lassen, ob sie denn ihrerseits das Letztbegründungsproblem der Ethik lösen können. Können sie es lösen, dann bräuchten sie ihre Lösung bloß mitzuteilen und könnten sich ihre Vorwürfe sparen. Können sie es nicht, dann haben sie den Philosophen, die das Letztbegründungsproblem für unlösbar halten, auch nichts vorzuwerfen.

Der grundlegende Denkfehler Adornos und Horkheimers besteht darin, dass sie dem aufklärerischen Denken, sofern man den Neupositivismus dazu rechnet, eine Tatsache vorwerfen, die es nicht erfunden sondern bloß festgestellt hat. Ähnlich, wie ja auch das „Gesetz von Aktion und Reaktion“, wie bereits angemerkt wurde, keine Erfindung zur Rechtfertigung unveränderlicher gesellschaftlicher Ordnung ist, sondern ein Naturgesetz, dass experimentell festgestellt werden kann. Auf denselben Denkfehler gründet sich Adornos und Horkheimers Interpretation von Kants Philosophie. Sie interpretieren Kants Erkenntnistheorie als Ausdruck einer Weltauffassung, wie sie für die spätbürgerliche Epoche charakteristisch ist:

Die Sinne sind vom Begriffsapparat je schon bestimmt, bevor die Wahrnehmung erfolgt, der Bürger sieht a priori die Welt als den Stoff, aus dem er sie sich herstellt. Kant hat intuitiv vorweggenommen, was erst Hollywood bewußt verwirklichte: die Bilder werden schon bei ihrer Produktion nach den Standards des Verstandes vorzensiert, dem gemäß sie nachher angesehen werden sollen. (Adorno/Horkheimer 1947, S. 91)

Abgesehen davon, dass der Analogieschluss zwischen der Formung der Erscheinungen durch den Erkenntnisapparat bei Kant und den Gestaltungsprinzipien von Filmproduktionen doch eher weitläufig ist, so dass es fragwürdig erscheint, hier von einer intuitiven Vorwegnahme zu sprechen, verkennen Adorno und Horkheimer vollkommen, dass Kants erkenntnistheoretische Konstruktion durch sachliche Erklärungsabsichten motiviert ist. Man kann den Kantschen Schematismus der Wahrnehmung aus vielen Gründen kritisieren, aber ihn bloß als Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Tendenzen der bürgerlichen Epoche zu verstehen, wird der Kantschen Philosophie nicht gerecht. Dies gilt umso mehr als gerade Kant sich in seiner Moralphilosophie und seiner politischen Philosophie als ein (auch im Sinne Adornos und Horkheimers) höchst reflektierter Philosoph offenbart, für den keineswegs die „Vernunft die Instanz des kalkulierenden Denkens, das die Welt für die Zwecke der Selbsterhaltung zurichtet“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 90) ist.

Es zeigt sich also, dass nicht nur die Argumentation Adornos und Horkheimers in der „Dialektik der Aufklärung“ auf sehr schwachen Füßen steht, auch ihre Beispiele sind, um es vorsichtig zu formulieren, sehr unglücklich gewählt und kaum geeignet ihre These zu stützen. Dabei hätten sich vielleicht sogar entsprechende Beispiele finden lassen. Ein mögliches Beispiel wäre Jeremy Bentham, dessen theoretische Beschreibung des „Panopticums“, einer Art von perfektem Gefängnis, schon eher dazu einlädt über die Zusammenhänge von aufgeklärter Philosophie, Sadismus und pathologischem Machbarkeitswahn nachzudenken.[27] Und es dürfte, auch wenn das hier nicht vertieft werden kann, noch viele weitere Beispiele geben, denn zweifellos hat die Aufklärung auch ihre Schattenseiten. Zu den Schattenseiten der Aufklärung zählt beispielsweise die häufig im aufklärerischen Denken anzutreffende Konstruktion der Geschichte als einer Geschichte des zivilisatorischen Fortschritts, die beinahe notwendigerweise mit einer Abwertung vermeintlich primitiverer Gesellschaftszustände einhergeht. Adorno hat dieses Problem einmal in einer im Vergleich zur Argumentation der „Dialektik der Aufklärung“ sehr viel überzeugenderen Weise an Goethes „Iphigenie“ exemplifiziert: Anders als das antike Vorbild von Euripides endet Goethes „Iphigenie“ scheinbar versöhnlich: Iphigenie und ihr Bruder Orest werden von Thoas, dem Herrscher der Insel Tauris, schließlich freiwillig entlassen. Doch dieser humanistische Schluss hat einen Haken: Während die „zivilisierten“ Griechen Iphigenie, Orest, Pylades ihr Recht bekommen, muss der „rohe Skythe“ Thoas alles dafür geben, ohne irgend eine Gegenleistung zu erhalten. Dieser moralische Konstruktionsfehler des Dramas ist ein Ausfluss der humanistischen Ethik, nach der die primitive Lebensform mitsamt ihren barbarischen Bräuchen schlechterdings keine Existenzberechtigung hat (Adorno 1969, S. 509-510). Natürlich kann man bei diesem Beispiel die methodische Frage aufwerfen, inwieweit ein Theaterstück eines bestimmten Dichters repräsentativ für eine ganze Epoche oder Geistesströmung wie den Humanismus ist, aber unplausibel ist das Vorgehen Adornos in diesem Fall nicht, und im Gegensatz zu dem, was Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ in das naturwissenschaftliche Denken hineininterpretieren, fällt die Interpretation der „Iphigenie“ sehr stringent und überzeugend aus.

Welche Beispiele man aber zur Untersütztung der Thesen der „Dialektik der Aufklärung“ auch anführen mag, bestätigen lässt sich allenfalls die eher banale These, dass die Aufklärung auch Schattenseiten hat. Die starke These, die Adorno und Horkheimer vertreten, dass die Aufklärung mit innerer Logik ihrer eigenen Zerstörung zutreibt, ist unter keinen Umständen haltbar. Weder gelingt es ihnen, ihre These durch eine auch nur halbwegs überzeugende Argumentation zu stüzten, noch führen sie glaubwürdige Beispiele an.

[24] Nietzsches moraliphilosophische Vorstellungen sind besonders in den Schriften „Jenseits von Gut und Böse“ (Nietzsche 1885, z.B. Neuntes Hauptstück, 260.Abschnitt) und „Zur Genealogie der Moral“ (Nietzsche 1887, z.B. Erste Abhandlung, 5.Abschnitt) ausgedrückt. Die moralischen Überzeugungen des Marquis de Sade sind größtenteils in die Dialoge seiner Romane eingeflochten. In knapper Form sind sie in dem in die „Philosophie im Budoir“ eingeschalteten Essay dargestellt (Sade 1795, S.191-268). Vgl. zu Nietzsche auch den Kommentar Russells (Russell 1946, Kapitel über Nietzsche (3.Buch, XXV.Kapitel)), der gut als Beispiel dafür stehen kann, wie aufgeklärte Philosophen auf Nietzsches Morallehre reagieren. Eine Reaktion, der Adorno und Horkheimer freilich sogleich unterstellen, sie rühre bloß vom Hass her, weil Nietzsche und de Sade nicht (wie nach ihrer Ansicht die Aufklärer) die Unbegründbarkeit der Moral durch Vernunft vertuscht hätten.

[25] Die Religion mag den Vorzug haben, dass sie in sehr viel stärker, als das auf andere Weise möglich ist, moralisches Handeln motivieren kann, begründen kann sie es nicht bzw. nur in der Weise, dass das Begründungsproblem auf die Religion verschoben wird, was es eher noch komplizierter werden lässt.

[26] Von den Philosophen der Aufklärungsepoche ließe sich dies mit der möglichen Ausnahme David Humes allerdings nicht behaupten. Dass auch Philosophen, die sich - anders als fast alle Denker der Aufklärungsepoche - der Unlösbarkeit des Letztbegründungsproblems bewusst waren, keineswegs dazu neigten aus diesem Faktum amoralische Konsequenzen zu ziehen, beweist, dass Friedrich Nietzsche und der Marquis de Sade sich von den Aufklärern nicht durch größere Konsequenz unterscheiden, wie Adorno und Horkheimer unterstellen, sondern ganz einfach durch ihre sittliche Verkommenheit. Diese sittliche Verkommenheit beruht dann aber auf einer bestimmten Wahl der ethischen Werte seitens dieser Autoren und kann nicht als Ausfluss des Prozesses der Aufklärung interpretiert werden.

[27] Die Bedeutung von Benthams „Panopticum“ ist besonders von Michel Foucault hervorgehoben (und vielleicht wiederum etwas übertrieben) worden (Foucault 1975, S. 256ff.).

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