Aufklärungskritik als metaphysische Denunziation.
Über den Begriff der Aufklärung bei Horkheimer und Adorno

Eckhart Arnold

1 Einleitung
2 Eine Klarstellung: Aufklärung ist nicht totalitär
3 Die Begründungsdefizite der „Dialektik der Aufklärung“
4 Ergebnis
Literaturverzeichnis

4 Ergebnis

Alles in allem hat sich gezeigt, dass die zentralen Thesen der „Dialektik der Aufklärung“ unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet schlichtweg falsch sind. Die Aufklärung führt weder direkt noch indirekt in die Barbarei. Zwischen dem aufgeklärten bzw. naturwissenschaftlichen Denken und der Mythologie besteht ein himmelweiter Unterschied. Man kann nicht wirklich behaupten, dass schon der Mythos Aufklärung ist, und es stimmt nicht, dass die Aufklärung in Mythologie zurückschlägt. Es kann zwar vorkommen, dass Menschen ihre aufgeklärten Grundsätze vergessen und sich in Denken und Handeln wieder an Mythen orientieren, aber dann ist die Aufklärung gescheitert und nicht in Mythologie zurück geschlagen. Als ein solches Scheitern von Aufklärung kann man den Faschismus deuten, aber damit geht der Faschismus gerade nicht auf das Konto der Aufklärung.

Dieses kritische Fazit bezieht sich vor allem auf den sachlich wissenschaftlichen Gehalt der „Dialektik der Aufklärung“. Es wurde Eingangs darauf hingewiesen, dass man sich die „Dialektik der Aufklärung“ auch auf anderen Verständnisebenen aneignen kann. Insbesondere der letzte Teil des Buches, die „Aufzeichnungen und Entwürfe“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 218 - 275) verweisen das Werk eher in ein literarisches Genre. Aber andererseits wollten die Autoren ja keinen Roman verfassen, sondern ein philosophisches Werk. Und dann interessiert eben nicht in erster Linie die Frage „Was wollte der Autor uns damit sagen?“ sondern vielmehr „Ist das, was die Autoren behaupten, wahr oder ist es falsch?“ Bedauerlicherweise ist das, was Adorno und Horkheimer in dem Buch behaupten, größtenteils falsch.

Nun könnte man natürlich fragen, warum man sich überhaupt an den sachlichen Fehlern des Buches stören sollte, und es nicht gleich als einen Ausdruck metaphysischer Weltablehung auffassen sollte, ähnlich wie die Philosophie Schopenhauers, die auch von kaum jemanden wörtlich für wahr gehalten, aber doch von vielen geschätzt wird. Ein Grund, warum es viel leichter fällt, die Irrtümer in der Philosophie Schopenhauers zu akzeptieren, besteht darin, dass Schopenhauer wesentlich sorgfältiger zwischen der metaphysischen Weltdeutung und der wissenschaftlichen Welterklärung unterscheidet. Begibt er sich auf die Ebene der Erklärung, so argumentiert er stets sehr umsichtig und genau und respektiert die Tatsachen (so beispielsweise in seiner ausgezeichneten Analyse des Ehrbegriffes in den „Aphorismen zur Lebensweisheit“). Adorno und Horkheimer leiten viel unmittelbarer aus ihren metaphysischen Voraussetzungen (d.h. aus ihrem chiliastischen Marxismus und der dialektischen Methode) eine Welterklärung ab, die sie hermetisch gegen Einwände abriegeln. Das verleiht der „Dialektik der Aufklärung“ ebenso wie manchen ihrer anderen Schriften einen entschieden ideologischen Zug, von dem man schwerlich absehen kann, selbst wenn man Sympathie für den Pessimismus und die Weltverachtung Adornos und Horkheimers empfindet. Erst im Spätwerk dieser beiden Philosophen klingt das ideologische Moment ab.

Möglicherweise wäre die „Dialektik der Aufklärung“ ein sehr viel glaubwürdigeres Buch geworden, wenn Adorno und Horkheimer nicht gerade die Aufklärung ins Zentrum ihrer Zivilisationskritik gestellt hätten. Denn trotz aller Übertreibung sind manche Aspekte ihrer Kritik an der Massenkultur oder der Verdinglichung oder auch des instrumentellen Denkens im Umgang mit der Natur durchaus plausibel. Aber die Verbindung zur Aufklärung und zur positivistischen Philosophie ist nicht nachvollziehbar und wohl bloß aus den Ressentiments der Autoren zu erklären.

Der überaus negative Befund mag bei einem Buch wie der „Dialektik der Aufklärung“ verwundern, dem heute von manchen Gelehrten Klassikerstatus zugebilligt wird (Beck 1998).[28] Immerhin hat die Dialektik der Aufklärung in ihrer Rezeptionsgeschichte mehrmals Phasen ausgesprochener Popularität erlebt. In der 68er Bewegung hatte sie wohl den Status eines Kultbuches und auch in den 80er Jahren gewann sie aufgrund ihrer radikal pessimistischen Zivilisationskritik im Zusammenhang mit der Umweltbewegung erneut Popularität. Aber selbst wenn man die zivilisationskritische Grundhaltung der „Dialektik der Aufklärung“ teilt, dann ist es zumindest in wissenschaftlicher Hinsicht wenig lohnend, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen, denn in der „Dialektik der Aufklärung“ werden die Gefahren des zivilisatorischen Prozesses falsch dargestellt, und die Verantwortung dafür mit der Aufklärung dem falschen Schuldigen zugewiesen.[29] In dem ganzen Buch findet sich kein einziges Argument, das geeignet wäre, jemanden, der nicht sowieso schon die Meinung der Autoren teilt, von den Gefahren einer ungezügelten technischen Zivilisation zu überzeugen. Lohnend könnte die Auseinandersetzung allerdings zur Selbstbestätigung der eigenen pessimistischen Stimmungslage sein, denn in dieser Hinsicht zahlen sich die in kraftvoller Sprache dargebotenen kompromisslosen Verdammungsurteile der Autoren zugegebenermaßen voll aus.

Heute scheint die Popularität des Werkes allerdings stark nachgelassen zu haben. Philosophische Kongresse zur „Dialektik der Aufklärung“ finden anscheinend nicht mehr häufig statt. Diskutiert wird sie noch in politischen Zirkeln wie der kommunistischen Arbeitsgruppe der PDS, die sich in dem Werk Schützenhilfe dafür erhofft, „wie der Einfluss der Kriegspartei im öffentlichen Leben der BRD verstanden und bekämpft werden kann; ... wie die Ausbreitung des Strebens nach faschistischer Gewaltherrschaft erklärt und gebrochen bzw. verhindert werden kann.“ (Kag) Dass die „Dialektik der Aufklärung“ obskuren politischen Zirkeln zur geistigen Grundlage dient, entspricht nicht ihrem intellektuellen Niveau, ist aber angesichts der wissenschaftlichen Schwächen des Werkes ein nicht ganz unverschuldetes Schicksal.

[28] Im Ganzen äußert sich Beck jedoch sehr kritisch zur „Dialektik der Aufklärung“.

[29] In der Sekundärliteratur wird häufig kolportiert, dass Adorno und Horkheimer an den Zielen der Aufklärung hätten festhalten wollen (Schnaedelbach 1989, S. 31) und in der Vorrede beteuern Adorno und Horkheimer: „Wir hegen keinen Zweifel ... dass die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist.“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 3). Wenn es tatsächlich ihr Ziel war, an der Aufklärung festzuhalten, dann haben Adorno und Horkheimer ihr Ziel allerdings gründlich verfehlt, denn im gesamten Buch findet sich kaum ein gutes Wort über die Aufklärung oder aufklärerische Philosophen.

t g+ f @