Aufklärungskritik als metaphysische Denunziation.
Über den Begriff der Aufklärung bei Horkheimer und Adorno

Eckhart Arnold

1 Einleitung
2 Eine Klarstellung: Aufklärung ist nicht totalitär
3 Die Begründungsdefizite der „Dialektik der Aufklärung“
4 Ergebnis
Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor Adorno ist zweifellos ein sehr vielschichtiges Werk. Nimmt man die von den Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ im Vorwort geäußerte Zielsetzung ernst, nach der sie sich die Erkenntnis „vorgesetzt hatten ... , warum die Menschheit anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 1), dann könnte man erwarten, es handele sich bei dem Buch um eine wissenschaftliche Analyse der Ursachen der Entstehung von Faschismus und Kommunismus, eine Analyse, die durch eine geschärfte Kultur- und Gesellschaftskritik ergänzt wird, welche diejenigen Faktoren dingfest macht, die in den (noch) liberalen Gesellschaften dem Übergang in den totalitären Staat vorarbeiten. In der Tat ist die „Dialektik der Aufklärung“ in diesem Sinne als Gesellschaftsanalyse und -kritik verstanden worden, sonst hätte das Buch kaum eine der Bibeln der 68er Bewegung werden können.

Aber es gibt noch eine andere Ebene, auf der das Werk verstanden werden kann. Auf dieser Ebene handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Analyse, sondern um den Ausdruck einer radikal pessimistischen Weltanschauung. Diese Verständnisebene vermittelt sich nicht so sehr durch die Feststellungen, die in dem Werk über Aufklärung, Mythologie, Kulturindustrie oder Positivismus mitgeteilt werden, als vielmehr durch die Sprache, den Duktus, sowie bestimmte Denkfiguren, die eher in eine religiös metaphysische Richtung weisen. Hier wird das Urteil über eine Welt gesprochen, die nicht mehr zu retten ist, in der das Heil ahnungsweise vorstellbar,[1] seine Verwirklichung dabei aber so vollkommen ausgeschlossen ist, dass man es sich eigentlich besser gleich aus dem Kopf schlagen müsste.

Zur besseren Unterscheidung werde ich diese beiden Ebenen die Sachebene und die metaphysische Ebene nennen. Diese Unterscheidung erscheint mir deshalb wichtig, weil das Werk auf der Sachebene fast vollkommen scheitert: Es gelingt den Autoren nicht in glaubwürdiger Weise darzulegen, dass dem Prozess der Aufklärung eine „Dialektik“ eigen ist, durch die die Aufklärung am Ende in „Barbarei“ ausartet. Ebensowenig gelingt ihnen der Nachweis, dass die neuzeitliche „Barbarei“, mit der die totalitären Herrschaftsformen gemeint sind, ein (und sei es auch nur ungewolltes) Erbe der Aufklärung ist. Dass das Werk auf der Sachebene vollkommen scheitert, bedeutet nicht, dass es auch auf der metaphysischen Ebene zum Scheitern verurteilt wäre. Dementsprechend beanspruche ich nicht, dass mit der folgenden Kritik das letzte Wort darüber gesprochen ist. Dennoch möchte ich mich in dieser Arbeit vor allem mit der Sachebene des Werkes beschäftigen. Dies aus zwei Gründen:

1. Für eine Untersuchung des metaphysischen Pessmismus von Adorno und Horkheimer ist die „Dialektik der Aufklärung“ kaum die einschlägige Quelle. Hierfür findet man in den Spätschriften beider sehr viel reicheres Material, zumal sich die Autoren dort auch schon stärker von ihrem doktrinären Marxismus gelöst haben, der in der „Dialektik der Aufklärung“ noch mehr als spührbar ist.[2]

2. Bevor man an die Deutung der metaphysischen Ebene heran geht, muss man sich über die Sachebene zunächst einmal Klarheit verschaffen. Die Metaphysik erscheint in anderem Licht, je nachdem, ob den metaphysischen Problemen tatsächliche gesellschaftliche Gefahren, wie z.B. die Ausbreitung totalitärer Herrschaftsformen, entsprechen, denen man entgegen treten kann und sollte, oder ob sich die Metaphysik auf der Ebene eines Erlösungsutopismus bewegt,[3] Die Grundthese der „Dialektik der Aufklärung“

[1] Vgl. dazu besonders die Kapitelenden in der „Dialektik der Aufklärung“.

[2] Z.B. in der plumpen Weise in der erkenntnistheoretische Standpunkte als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse gedeutet werden.

[3] Zum Erlösungsutopismus vgl. die folgende Passage: „Heute, da Bacons Utopie, daß wir `der Natur in der Praxis gebieten' in tellurischem Maßstab sich erfüllt hat, wird das Wesen des Zwanges offenbar, den er der unbeherrschten zuschrieb. Es war Herrschaft selbst. In ihre Auflösung vermag das Wissen, in dem nach Bacon die `Überlegenheit des Menschen' ohne Zweifel bestand, nun überzugehen. Angesichts solcher Möglichkeit aber wandelt im Dienst der Gegenwart Aufklärung sich zum Betrug der Massen um.“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 49) der ebensowenig befriedigt werden kann, wie der Wunsch wieder ins Paradies zurückzukehren.

Hinzu kommt ein weiterer Grund: Die Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule scheint heutzutage nicht mehr eben übermäßig populär zu sein. Dennoch halte ich eine kritische Auseinandersetzung mit der „Dialektik der Aufklärung“ auf der Sachebene immer noch für geboten. Denn ähnliche Auffassungen werden auch von anderen zur Zeit vieldiskutierten Philosophen vertreten. Es ist schon verblüffend: Wir leben in einer Zeit, die vom materiellen Überfluss gesegnet ist, in der jeder beinahe mit Sicherheit damit rechnen darf, siebzig oder achtzig Jahre alt zu werden. Zugleich leben wir (im Westen) in der freiesten Gesellschaft, die es je gegeben hat, in der die Grundrechte des Menschen in einem bisher nicht gekannten Maß verwirklicht worden sind und durch eine wachsame Gerichtsbarkeit gegen Übergriffe der Regierung geschützt werden. Was aber erfahren wir, wenn wir die Werke von Max Horkheimer, Theodor Adorno, Michel Foucault oder, neuerlich, Giorgio Agamben zu diesem Thema konsultieren? Dass das alles Essig ist, dass die Freiheit ein einziger Schwindel ist, dass die Herrschaft über den Menschen in Wirklichkeit viel intensiver geworden ist, und sich nur ihre Methoden als subtiler aber dafür umso durchgreifender herausstellen, dass die Bürger von der Regierung fest im biopolitischen Griff gehalten werden usw. usw.[4]

Solche Enthüllungen über das wahre Wesen der vermeintlich freien Gesellschaften mögen intellektuell sehr prickelnd sein, vielleicht haben sie sogar den objektiven Wert, durch ihre maßlosen Übertreibungen auf tatsächliche Gefahren aufmerksam zu machen, die der Freiheit auch in den modernen Demokratien drohen könnten. Aber die Verkennung des vorhandenen und erreichten Maßes von Freiheit birgt auch Gefahren. Es könnte sein, dass wir im entscheidenden Augenblick versäumen, sie zu verteidigen, weil wir nicht wissen, was sie uns wert sein sollte.

Aus diesem Grund scheint mir eine kritische Auseinandersetzung mit den Thesen der „Dialektik der Aufklärung“ trotz der nachgelassenen Aktualität des Werkes sinnvoll. Dabei stütze ich mich vor allem auf das erste Kapitel des Werkes über den „Begriff der Aufklärung“, auch wenn meine Kritik vor dem Hintergrund des Gesamtwerkes formuliert ist, und teilweise Passagen aus den späteren Kapiteln als Beleg angeführt werden.

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