Aufklärungskritik als metaphysische Denunziation.
Über den Begriff der Aufklärung bei Horkheimer und Adorno

Eckhart Arnold

1 Einleitung
2 Eine Klarstellung: Aufklärung ist nicht totalitär
3 Die Begründungsdefizite der „Dialektik der Aufklärung“
    3.1 Naturwissenschaftliches Denken als „disponierendes Denken“
    3.2 Der Zusammenhang von Aufklärung und Mythologie
    3.3 Das verarmte Weltbild der positivistischen Philosophie
    3.4 Die Fragwürdigkeit der Beispiele von Horkheimer und Adorno
4 Ergebnis
Literaturverzeichnis

3.3 Das verarmte Weltbild der positivistischen Philosophie

Der Vorwurf, die Welt bloß abzubilden und dadurch eine Art Kult des Tatsächlichen zu betreiben,[23] stützt sich auf eine Kritik an der Verarmung des Weltbildes durch eine einseitig naturwissenschaftliche Betratungsweise, wie man sie auch bei anderen Philosophen antreffen kann. Adorno und Horkheimer führen Edmund Husserl als Gewährsmann an, der in seiner Schrift über die „Krisis der europäischen Wissenschaften“ (Husserl 1936) die Fragwürdigkeit einer allein an der mathematischen Theoriebildung der Naturwissenschaften orientierten Weltauffassung deutlich herausstellt. Anders als Adorno und Horkheimer argumentiert Husserl jedoch vorwiegend erkenntnistheoretisch (auch wenn er die erkenntnistheoretischen Thesen seiner Krisis-Schrift um eine etwas fragwürdige Geschichtsphilosophie ergänzt). Er kritisiert, dass die naturwissenschaftlichen Theorien, wenn man sie ontologisch (und nicht, wie man wohl soll, instrumentalistisch) auslegt, an die Stelle der konkreten Phänomene, abstrakte mathematische geometrische Gestalten setzen. So werden insbesondere die „Sinnesfüllen“ wie Farbe, Klang, Geschmack durch geometrische Größen wie z.B. die Wellenlänge einer Schwingung ersetzt (Husserl 1936, §9 c)). Ein anderer Kritikpunkt Husserls besteht darin, dass der Anspruch der Naturwissenschaften, speziell der Physik, die Welt vollständig zu beschreiben, nur idealiter in unendlichem Fortschreiten realisiert wird, womit er in Wirklichkeit natürlich niemals ganz eingelöst werden kann (Husserl 1936, §9 e)).

Bei Adorno und Horkheimer wird diese Kritik entschieden radikalisiert. Der Vorwurf, den sie erheben, besteht nicht mehr - wie bei Husserl - nur darin, dass durch das naturwissenschaftliche Weltbild bestimmte, für uns bedeutsame Aspekte der Wirklichkeit ausgeblendet werden, sondern sie unterstellen, dass durch das mathematisch-naturwissenschaftliche Weltbild die Welt auf eine unausweichliche Weise vorherbestimmt ist. („Wenn im mathematischen Verfahren das Unbekannte zum Unbekannten einer Gleichung wird, ist es damit zum Altbekannten gestempelt, ehe noch ein Wert eingesetzt wird.“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 31)) In diesem Sinne ist auch der berüchtigten Satz zu verstehen: „Aufklärung ist totalitär wie nur irgendein System.“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 31 (Vgl. auch S.12)) Diese Äußerung fällt in einem erkenntnistheoretischen Kontext. Allerdings dürfte der politische Beiklang sehr wohl von den Autoren beabsichtigt sein, denn sie stellen - entsprechend der Marxschen Basis-Überbau-Theorie - während des ganzen Kapitels Analogien zwischen der Erkenntnistheorie und den gesellschaftlichen Verhältnissen her.

Wie schon an anderen Stellen wird hier deutlich, dass mit Adorno und Horkheimer zwei Philosophen sprechen, denen das naturwissenschaftliche Denken durch und durch fremd ist. Sonst könnte ihnen die Welt nicht schon durch die Annahme in unausweichlicher Weise festgelegt erscheinen, dass alle Vorgänge in der Welt vollständig mathematisch beschreibbar sind. Denn solange nicht auch die Naturgesetze selbst genannt werden, ist mit der Annahme der mathematischen Beschreibbarkeit allein noch so gut wie gar nichts über die Welt gesagt. Die Geschichte der Naturwissenschaften ist deshalb auch eine Geschichte von immer wieder neuen überraschenden Einsichten; nur eben nicht für Leute, denen es genügt, dass viele dieser Einsichten mathematisch formuliert sind, um sich nicht weiter dafür zu interessieren.

Hätten Adorno und Horkheimer zwischen den Erkenntnissen der Naturwissenschaften einerseits und der Ausweitung des naturwissenschaftlichen Weltbildes auf alle Bereiche der Philosophie unterschieden, wie sie in den materialistischen und positivistischen Philosophien stattfindet, und ihre Kritik vornehmlich gegen die materialistische Philosophie anstatt gegen die mathematische Naturbetrachtung schlechthin gerichtet, dann wäre sie noch diskutabel gewesen. Als Naturwissenschaftskritik wirken ihre Ausführung jedoch schlicht inkompetent.

[23] „Die mathematische Verfahrensweise wurde gleichsam zum Ritual des Gedankens. ... Mit solcher Mimesis aber, in der das Denken der Welt sich gleichmacht, ist nun das Tatsächliche so sehr zum Einzigen geworden, daß noch die Gottesleugnung dem Urteil über die Metaphysik verfällt.“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 31/32)

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