Aufklärungskritik als metaphysische Denunziation.
Über den Begriff der Aufklärung bei Horkheimer und Adorno

Eckhart Arnold

1 Einleitung
2 Eine Klarstellung: Aufklärung ist nicht totalitär
3 Die Begründungsdefizite der „Dialektik der Aufklärung“
    3.1 Naturwissenschaftliches Denken als „disponierendes Denken“
    3.2 Der Zusammenhang von Aufklärung und Mythologie
    3.3 Das verarmte Weltbild der positivistischen Philosophie
    3.4 Die Fragwürdigkeit der Beispiele von Horkheimer und Adorno
4 Ergebnis
Literaturverzeichnis

3.1 Naturwissenschaftliches Denken als „disponierendes Denken“

Die Aufklärung ist bei Adorno und Horkheimer im Wesentlichen als ein Prozess der zunehmenden Rationalisierung zu verstehen, der sich auf allen Ebenen durchsetzt, im Denken, in den gesellschaftlichen Institutionen, und auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Ihre vollendete Gestalt erreicht die aufklärerische Rationalität im mathematisch-naturwissenschaftlichen Denken, das von der philosophischen Schule des Neupositivismus in gewisser Weise zum Maßstab wissenschaftlichen und rationalen Denkens überhaupt erhoben worden ist. Entsprechend ihrer Vorstellung von Aufklärung als Prozess zunehmender Herrschaftsintensivierung behaupten Adorno und Horkheimer denn auch, dass im naturwissenschaftlichen Denken und in der positivistischen Philosophie dieser Zusammenhang besonders eng ausfällt. Das liest sich bei Adorno und Horkheimer folgendermaßen:

Noch die deduktive Form der Wissenschaft spiegelt Hierarchie und Zwang. Wie die ersten Kategorien den organisierten Stamm und seine Macht über den Einzelnen repräsentieren, gründet die gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit, der Arbeitsteilung. (Adorno/Horkheimer 1947, S. 27/28)

Bereits die „deduktive Form der Wissenschaft“ ist für Adorno und Horkheimer also Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen, von „Hierarchie und Zwang“. Noch deutlicher drücken die Autoren dies an einer anderen Stelle aus:

Die Allgemeinheit der Gedanken, wie die diskursive Logik sie entwickelt, die Herrschaft in der Sphäre des Begriffs, erhebt sich auf dem Fundament der Herrschaft in der Wirklichkeit. (Adorno/Horkheimer 1947, S. 20)

Wie begründen die Autoren aber ihre These, dass die „diskursive Logik“ und „die deduktive Form“ der Wissenschaft Ausdruck von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen sind? Die Antwort auf diese Frage ist, dass sie es überhaupt nicht begründen. Die ganze These ruht allein auf den persönlichen Assoziationen von Adorno und Horkheimer. Und selbstverständlich ist die These falsch. Die „diskursive Logik“ ist ein Mittel, das demjenigen, der die Herrschaft kritisieren will, ganz ebenso zu Gebote steht, wie den Ideologen, die sie rechtfertigen. Die „diskursive Logik“ ist ein Werkzeug des Geistes, das schlechterdings jeder nutzen kann, zu unterschiedlichsten Zwecken. Allenfalls kann man die Behauptung wagen, dass Aufklärung, Klarheit und offene Diskussion (bei der wiederum die „diskursive Logik“ zum Tragen kommt) immer die bevorzugten Waffen der Unterdrückten sein werden, da sie in der Regel zwar anzuklagen, aber ihrerseits nichts zu verbergen haben.

Weil Adorno und Horkheimer aber glauben, dass das naturwissenschaftliche Denken so eng mit Herrschaft und Unterwerfung verbunden ist, verwundert es nicht, dass sie dem wissenschaftlichen Denken nicht mehr die Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis zutrauen. Ihrer Ansicht nach dient das wissenschaftliche Denken nicht der Naturerkenntnis, sondern allein der Unterwerfung der Natur. Dementsprechend ist es „disponierendes Denken“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 20) und vom aufgeklärten Menschen,[17] der sich dieses disponierenden Denkens bedient,[18] wird nach Adornos und Horkheimers Meinung „die Erkenntnis tabuiert, die den Gegenstand wirklich trifft.“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 20) Adorno und Horkheimer hängen offenbar einer Vorstellung von Naturwissenschaft an, nach der die Naturwissenschaft vor allem durch den Zweck ihrer technischen Anwendung motiviert ist, und damit gewissermaßen rein instrumentell auf Manipulation der Natur und nicht so sehr auf Erkenntnis zielt. Daraus erklärt sich möglicherweise der Vorwurf, dass angeblich „Erkenntnis tabuiert“ wird, „die den Gegenstand wirklich trifft“. Dieser Vorwurf ist etwas schwierig nachzuvollziehen, denn aller Erfahrung nach pflegen doch die Naturwissenschaften ihren Gegenstand ziemlich gut zu treffen. Und spätestens hier stellt sich auch die Frage, wie die Erkenntnis, „die den Gegenstand wirklich trifft“, denn dann beschaffen sein soll. Offenbar denken die Autoren an eine Art von dialektischer Erkenntnis, wie folgende Kritik am Erkenntnismodus der Aufklärung deutlich macht, aus der sich indirekt Hinweise darauf ergeben, wie sich Adorno und Horkheimer die richtige Erkenntnis vorstellen:

Das Vorfindliche als solches zu begreifen, den Gegebenheiten nicht bloß ihre abstrakten raumzeitlichen Beziehungen abzumerken, bei denen man sie dann packen kann, sondern sie im Gegenteil als die Oberfläche, als vermittelte Begriffsmomente zu denken, die sich erst in der Entfaltung ihres gesellschaftlichen, historischen, menschlichen Sinnes erfüllen - der ganze Anspruch der Erkenntnis wird preisgegeben. (Adorno/Horkheimer 1947, S. 33)

Das Erkenntnismodell, das Adorno und Horkheimer hier mit dem „Anspruch der Erkenntnis“ an sich gleichsetzen, ist offensichtlich das des deutschen Idealismus,[19] wie es besonders in Hegels dialektischer Philosophie zu einer Art Vollendung geführt worden ist. Aber dann entstehen sogleich zwei Probleme: Erstens ist die Dialektik für die Naturerkenntnis vollkommen unbrauchbar, wie Hegels Naturphilosophie ungewollt, aber dafür umso eindrucksvoller bewiesen hat.[20] Zweitens ist zu befürchten, dass die Dialektik noch viel stärker als Adorno und Horkheimer es der „diskursiven Logik“ und der „deduktiven Form der Wissenschaft“ unterstellen, durch den gesellschaftlichen Kontext von „Hierarchie und Zwang“, dem „Fundament der Herrschaft in der Wirklichkeit“ belastet ist, gelang es ihrem Meister und Erfinder doch mit Hilfe der Dialektik alle möglichen politischen und sozialen Vorurteile seiner Zeit philosophisch zu beweisen. So konnte Hegel z.B. dialektisch erklären, weshalb Frauen und Männern in der Ehe unterschiedliche Rollen zukommen (Hegel 1821, § 165,166), und nicht weniger raffiniert konnte er mit Hilfe der Dialektik die Notwendigkeit der monarchischen Staatsform (Hegel 1821, § 279,280), die Unmöglichkeit (in dem Sinne, dass es auch gar nicht wünschbar wäre) des Weltfriedens (Hegel 1821, § 333, 337) und die Nützlichkeit der Pressezensur (Hegel 1821, § 319)[21] beweisen.

Der Vorwurf des „disponierenden Denkens“ ist nicht der einzige Vorwurf, den Adorno und Horkheimer gegen das aufklärerische und besonders das naturwissenschaftliche Denken erheben. Sie erheben noch mindestens zwei weitere Vorwürfe, die sich mit diesem Vorwurf gar nicht unbedingt leicht vereinbaren lassen. Diese beiden Vorwürfe sind erstens der Vorwurf der Verarmung des Weltbildes durch das mathematisch-naturwissenschaftliche Denken und zweitens der Vorwurf, die Natur bloß abzubilden.

[17] „Das Selbst, das die Ordnung und Unterordnung an der Unterwerfung der Welt lernte“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 20).

[18] „Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann.“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 15)

[19] An anderer Stelle schreiben die Autoren: „Aufklärung hat die klassische Forderung, das Denken zu denken - Fichtes Philosophie ist ihre radikale Entfaltung - beiseitegeschoben“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. 31). Das Zitat zeigt deutlich, wie sehr Adorno und Horkheimer die Reflexionsphilosophie des deutschen Idealismus zur Norm des philosophischen Denkens schlechthin verklären („klassische Forderung“). Durch diesen Trick fällt es ihnen dann sehr leicht ein philosophisches Denken, das dieser Norm nicht folgt, als eine Art Verrat an den Idealen der Philosophie erscheinen zu lassen.

[20] Als Beispiel können die geradezu mittleiderregenden Passagen über das Fallgesetz aus Hegels „Enzyklopädie der Philsophischen Wissenschaften im Grundrisse“ dienen (Hegel 1817, § 267, 268). Und dabei zitiert er sogar Lagrange!

[21] Wobei Hegel in diesem Falle nicht einmal die Dialektik bemüht, sondern lapidar erklärt: „Die Freiheit der öffentlichen Mitteilung ... hat ihre direkte Sicherung in den ihre Ausschweifungen teils verhindernden, teils bestrafenden polizeilichen und Rechtsgesetzen“.

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