Aufklärungskritik als metaphysische Denunziation.
Über den Begriff der Aufklärung bei Horkheimer und Adorno

Eckhart Arnold

1 Einleitung
2 Eine Klarstellung: Aufklärung ist nicht totalitär
    2.1 Der Zusammenhang von Positivismus, Kulturindustrie und Totalitarismus ist eine Legende
    2.2 Faschismus und Kommunismus sind keine Folgen der Aufklärung
3 Die Begründungsdefizite der „Dialektik der Aufklärung“
4 Ergebnis
Literaturverzeichnis

2.2 Faschismus und Kommunismus sind keine Folgen der Aufklärung

Dass totalitäre Herrschaftsformen, also Faschismus und Kommunismus, keine Folge der Aufklärung sind, gilt ziemlich eindeutig für den Faschismus und etwas weniger eindeutig für den Kommunismus. Beim Faschismus fällt die Beurteilung so eindeutig aus, weil sich die faschistischen Bewegungen explizit gegen die Prinzipien der Aufklärung gestellt haben. Unter den Prinzipien der Aufklärung verstehe ich dabei 1) auf intellektueller Ebene das Prinzip rationaler Begründung und Kritik (d.h. Ansichten sollten durch Argumente begründet werden und dürfen durch Argumente kritisiert werden, die Berufung auf Autorität zählt nicht) 2) auf ethisch pratkischer Ebene die Grundidee von der Autonomie des einzelnen Menschen, auf die wiederum die Menschenwürde und das Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen Menschen gestützt sind 3) auf politischem Gebiet die Forderungen der Freiheit, Gleichheit und Rechtstaatlichkeit.[11] All diese Prinzipien wurden von den faschistischen Bewegungen expressis verbis und auf das schärfste bekämpft.[12] Der Faschismus war eine Gegenbewegung zur Aufklärung, aber keine Folge der Aufklärung. Man kann der Aufklärung unmöglich einen Vorwurf daraus machen wollen, dass die gegen sie gerichtete Gegenbewegung zeitweise recht erfolgreich war.

Etwas weniger eindeutig liegt der Fall beim Kommunismus, denn der Kommunismus beruht auf einem humanistischen Wertekanon, indem er die Gleichheit der Menschen verficht, Freiheit von Unterdrückung und Menschenrechte einfordert. Dazu - und darin geht er über die Aufklärung hinaus, aber in einer Weise, die nicht im Widerspruch zu den Prinzipien der Aufklärung steht und an sich nur begrüßenswert ist - tritt der Kommunismus sehr entschieden für die soziale und ökonomische Gleichheit ein und nicht nur wie der Liberalismus für die Gleichheit vor dem Gesetz. Während sich die faschistischen Bewegungen außerdem gerne auf eine Art Pseudo-Mythologie berufen, nimmt der Kommunismus für sich in Anspruch mit der marxistischen Gesellschaftsanalyse über eine rationale, wissenschaftliche Grundlage zu verfügen.

Andererseits besteht kein Zweifel daran, dass die aufklärerisch-humanistischen Werte, die dem Kommunismus ursprünglich zu Grunde lagen, im real existierenden Sozialismus größtenteils[13] hemmungslos pervertiert worden sind. So konnte (und kann) von politischer Freiheit in kommunistischen Staaten keine Rede sein, Gleichheit galt allenfalls für die normalen Bürger unterhalb der Bonzenklasse, und die Menschenrechte wurden und werden in kommunistischen Ländern mit Füßen getreten, wobei einige kommunistische Regime sogar millionfache Massenmorde angezettelt haben. All das widerspricht so offensichtlich den Prinzipien der Aufklärung, dass es unmöglich ist, den Kommunismus in irgend einer Weise als verwirklichte oder vollendete Aufklärung aufzufassen. Die Frage kann also nur noch lauten, ob die Art von Perversion von Aufklärung, die wir im Kommunismus vorfinden, bereits in der Aufklärung angelegt ist. Dies entspräche in etwa der These von Adorno und Horkheimer, dass der Aufklärung eine „Dialektik“ innewohnt, die dazu führt, dass sich die Aufklärung am Ende selbst zerstört. Um die Aufklärung von diesem Verdacht freizusprechen, genügt es nicht, zu zeigen, dass ihre Prinzipien pervertiert worden sind. Vielmehr muss man zeigen, dass eine Verwirklichung der aufklärerischen Prinzipien ohne den Bruch mit wesentlichen dieser Prinzipien möglich ist. Lässt sich dies zeigen, dann ist der Beweis erbracht, dass sich die Perversion der Aufklärung nicht mit innerer Notwendigkeit aus der Aufklärung selbst ergibt. Nun ist dieser Beweis aber längst in der politischen Praxis erbracht worden: In den liberalen Demokratien sind die wesentlichen Prinzipien der Aufklärung sehr erfolgreich verwirklicht worden, ohne dass sich Anzeichen von Barabarei zeigen, die dem Faschismus oder Kommunismus auch nur annährend vergleichbar wären. Damit ist nicht gesagt, dass in den liberalen Demokratien alles zum Besten steht, und insbesondere kann man der politischen Philosophie der Aufklärung vorwerfen, dass sie die sozialen Fragen vernachlässigt.[14] Aber das berührt eine ganz andere Diskussion, nämlich die, wie die Aufklärung noch verbessert werden kann. Auf keinen Fall rechtfertigen die Schwächen, die die Aufklärung auf diesem oder anderen Gebieten noch haben mag, die Diagnose Adornos und Horkheimers, dass die Aufklärung mit innerer Logik der Barbarei zutreibt. Insbesondere kann nicht behauptet werden, dass der Kommunismus die logische Konsequenz oder die politische Vollendung der Aufklärung sei.[15] Dies gilt umso mehr als die kommunistische Ideologie in Form ihres chiliastischen Geschichtsbildes, der Funktion der Partei als Avantgarde der Arbeiterklasse, aus der eine natürliche Herrschaftsberechtigung abgeleitet wird, der kollektivistischen Rechts- und Moralauffassung und des vielfach auftretenden Personenkultes Elemente enthält,[16] die sich mit aufklärerischem Denken kaum vereinbaren lassen. Zusammengenommen bedeutet dies: Die Prinzipien der Aufklärung lassen sich ohne Bruch verwirklichen. Der Kommnismus verwirklicht dagegen nicht die Prinzipien der Aufklärung, sondern teilweise pervertiert er sie und teilweise bricht er mit ihnen.

Das Gesamtergebnis all dieser Überlegungen lautet also, dass weder der Faschismus noch der Kommunismus in irgendeiner Weise Produkte der Aufklärung sind. Der Faschismus ist eine Gegenbewegung gegen die Aufklärung, der Kommunismus ist eine Perversion der Aufklärung. Wenn diese Überlegungen stimmen, dann kann die zentrale These der „Dialektik der Aufklärung“, dass die Aufklärung sich mit innerer Logik selbst zerstört, und dadurch zum Totalitarismus führt, nur noch falsch sein. Im folgenden soll gezeigt werden, dass die Begründung, die Adorno und Horkheimer liefern, wissenschaftlich betrachtet dermaßen niveaulos ist, dass ihre zentrale These eigentlich auch nur falsch sein konnte.

[11] Diese Prinzipien sind zumindest für die Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts zentral. Bis auf den dritten Punkt, der die republikanischen politischen Forderungen beschreibt, trifft man sie aber auch bei älteren aufklärerischen Bewegungen, etwa in der griechischen Sophistik an. Adorno und Horkheimer verwenden freilich einen sehr weit gefassten und nicht mehr historisch verankerten Aufklärungsbegriff, der sich nur noch auf das Prinzip der rationalen Kritik zu beschränken scheint. Aber auch dann wäre es vollkommen absurd, den Faschismus oder Kommunismus als Ausfluss der Aufklärung, d.h. des Prinzips der rationalen Kritik, aufzufassen, denn beide totalitären Herrschaftsformen beruhen auf der Unterdrückung rationaler Kritik, auch wenn der Kommunismus dieses Mittel im Kampf gegen die „bürgerliche Herrschaft“ einsetzt. Der entscheidende Punkt in diesem Fall ist, dass sich der Kommunismus, wenn er Kritik zwar als Mittel einsetzt, dennoch nicht zum Prinzip der rationalen Kritik bekennt, d.h. dem Prinzip dass die Politik der Regierung jederzeit mit Argumenten kritisiert werden kann.

[12] Zur Ideologie des Nationalsozialisus bzw. Faschismus vgl. stellvertretend für zahlreiche andere Darstellungen die Beschreibung von Friedrich Pohlmann (Pohlmann 1992, S. 229ff.) oder gleich eine der Orginalquellen (Moussolini), aus der hervorgeht, dass der faschistische „Duce“ Moussolini mit dem aufklärerischen Menschenbild nicht einverstanden war (S. 5ff.).

[13] Diese Einschränkung ist notwendig, weil auf bestimmten Sektoren, wie z.B. der Gleichberechtigung von Mann und Frau, der real existierende Sozialismus in der Tat zeitweise fortschrittlicher war.

[14] Radikaldemokratische und soziale Bewegungen wie die der „Levellers“ während der englischen Revolutionsepoche im 17.Jahrhundert oder der „Sansculotten“ in der Französischen Revolution waren eine vorübergehende Erscheinung, und ihre Ideen fanden nicht Eingang in die Hauptströmungen aufklärerischen Denkens.

[15] Ich bin mir nicht sicher, ob Adorno oder Horkheimer das ernsthaft behaupten wollen. Aber wenn ihre These, dass der Prozess der Aufkärung in die Barbarei führt bzw. dass „die vollständig aufgeklärte Erde .. im Zeichen triumphalen Unheils [strahlt]“ irgendeinen nicht trivialen Sinn haben soll, dann müssen sie entweder behaupten, dass Aufklärung zum Faschismus oder zum Kommunismus oder zu beidem führt. Alles andere wäre angesichts des Pathos ihres Buches einfach lächerlich.

[16] Die Lehren des entwickelten, d.h. leninistischen Kommunismus werden in kurzer Form bei Donald Busky dargestellt (Busky 2002, S. 163ff.).

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