Aufklärungskritik als metaphysische Denunziation.
Über den Begriff der Aufklärung bei Horkheimer und Adorno

Eckhart Arnold

1 Einleitung
2 Eine Klarstellung: Aufklärung ist nicht totalitär
    2.1 Der Zusammenhang von Positivismus, Kulturindustrie und Totalitarismus ist eine Legende
    2.2 Faschismus und Kommunismus sind keine Folgen der Aufklärung
3 Die Begründungsdefizite der „Dialektik der Aufklärung“
4 Ergebnis
Literaturverzeichnis

2.1 Der Zusammenhang von Positivismus, Kulturindustrie und Totalitarismus ist eine Legende

Die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Positivismus und Totalitarismus gibt, lässt sich sehr leicht beantworten, denn für einen solchen Zusammenhang fehlt jeder innere und äußere Anhaltspunkt. Fast nirgendwo werden in den Schriften der Neupositivisten politische oder moralische Auffassungen vertreten, die denen eines totalitären Regimes entsprechen. Die Ausnahme bilden gewisse Affinitäten zum Marxismus am linken Rand des Wiener Kreises, z.B. bei Otto Neurath (Cartwright 1996, S. 43ff.).[5] Ganz im Gegenteil hat sich der Positivismus durch seine metaphysikkritische Grundhaltung sogar in einem Maße als ideologieresistent erwiesen wie kaum eine andere philosophische Schule. So ziemlich alle prominenten Vertreter des Wiener Kreises mussten ins Exil gehen (Stadler 1997). Und auch umgekehrt ist das Verhältnis der totalitären Staatsphilosophien gegenüber dem Positivismus durch feindselige Ablehnung bestimmt. Das gilt sowohl für den Faschismus, dessen Rückgriff auf mythologisierende Ideologeme offensichtlich nicht mit der „wissenschaftlichen Weltauffassung“ der Positivisten vereinbar ist, als auch für den sich auf einen vermeintlich wissenschaftlichen Marxismus stützenden Kommunismus, für den Lenin die Linie gegenüber dem Positivismus, der als bürgerliche Philosophie abgestempelt wird, schon frühzeitig in seiner Schrift über „Materialismus und Empiriokritizismus“ (Lenin 1909) vorgegeben hat. Alles in allem ist es so gut wie unmöglich zwischen der philosophischen Bewegung des Neupositivismus und den totalitären Herrschaftsformen irgendeine Verbindung herzustellen, auch wenn dies besonders in der Nachkriegszeit und nicht nur von linker Seite öfters versucht worden ist.[6] Dass Adorno und Horkheimer historische Tatsachen, wie die hier angeführten hartnäckig nicht zur Kenntnis nehmen,[7] ist leider nur zu bezeichnend für ihre philosophische Herangehensweise. Der Positivismus ist nicht der einzige Leidtragende davon. Wie weiter unten noch dargestellt wird, ergeht es der Aufklärung keineswegs besser. (Und selbst die Mythologie wird in sehr drastischer Vereinfachung weitgehend auf Mimesis reduziert, obwohl das Bild der mythischen Vorstellungswelt als einer mimetischen Vorstellungswelt für viele Mythen gar nicht besonders gut passt. Inwiefern wäre denn z.B. der Schöpfungsmythos mimetisch?[8] )

Gibt es zwischen dem Positivismus und den totalitären Herrschaftsformen also keinerlei Zusammenhang, so ist die Annahme eines irgendwie gearteten Zusammenhangs zwischen „Kulturindustrie“, d.h. derjenigen Art von Kunstwerken und Kulturgütern, die von wirtschaftlich arbeitetenden Unternehmen nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung hergestellt und verbreitet werden, und totalitärer Herrschaft schon sehr viel weniger abwegig, denn die totalitäre Propaganda setzt häufig Stilmittel und Gestaltungsformen ein, wie sie für die Populärkultur typisch und daher auch in freien Gesellschaften geläufig sind. Insbesondere setzt die totalitäre Kulturpolitik in hohem Maße auf Kitsch-Ästhetik (Benz 2000, S. 63ff.).[9] Zudem kann man Adorno und Horkheimer zugestehen, dass es Ihnen mit subtilen Analysen gelingt, in manchen Kitschprodukten freier Gesellschaften Denkfiguren und Verlogenheiten zu identifizieren, die - in wesentlich massiverer Form - auch im totalitären Kontext auftreten. Dies ist aber nicht verwunderlich, denn auch freie Gesellschaften sind niemals vollkommen vorurteilslos, und in Kunst und Kultur spiegeln sich die Vorurteile und Verlogenheiten einer Gesellschaft natürlich wieder. Aber bedeutet das, dass ein Zusammenhang zwischen Kulturindustrie und Totalitarismus besteht, etwa - wie man sich vorstellen könnte - dergestalt, dass die Kulturindustrie den Bürgern bestimmte Denk- und Gefühlsformen einhämmert, die von der totalitären Propaganda dann nur noch mit der entsprechenden politischen Ideologie aufgefüllt werden müssen? Das mag plausibel klingen, aber es ist sicherlich falsch. Zwar stimmt es, dass es eine Kulturindustrie und ihr Produkt, die Massenkultur, sowohl in totalitären als auch in demokratischen Staaten gibt. Doch das zeigt nur, das Kulturindustrie ein Merkmal moderner Gesellschaften ist, und zugleich dass sie gerade nicht ein Spezifikum totalitärer Staaten ist. Charakteristisch für totalitäre Staaten ist vielmehr, dass die Kulturindustrie monopolisiert ist. Es gibt bestenfalls einen Zusammenhang zwischen der Monopolisierung der Medien und des Kulturwesens und dem Totalitarismus, aber nicht zwischen Kulturindustrie also solcher und Totalitarismus. Adorno und Horkheimer können diese Suggestion bloß aufrecht erhalten, indem sie die faktische Diversität des Kulturangebots in einer nicht monopolisierten Kultur- und Medienlandschaft leugnen. (In Amerika wird niemand gezwungen, sich Jazz-Musik anzuhören, wenn er sie nicht mag, man kann dort ebensogut einige der weltbesten Symphonieorchester besuchen!) Wenn Kulturkritiker wie Adorno und Horkheimer die Verlogenheit der Massenkultur und das gewisse Maß an Konformitätsdruck anprangern, das es auch in den freien Gesellschaften noch gibt,[10] dann ist das an sich legitim und sogar begrüßenswert, aber man muss sich im Klaren drüber bleiben, dass sie dann von Problemen handeln, die weit entfernt sind von der Gefahr des Totalitarismus.

Es zeigt sich also sehr deutlich: Positivismus, Kulturindustrie und Faschismus bzw. Totalitarismus sind drei sehr unterschiedliche Dinge, von denen der Positivismus und der Totalitarismus überhaupt nichts miteinander gemein haben, und die Kulturindustrie nur, wenn sie monopolisiert ist, eine Gefahr für die Demokratie darstellt. Bei Adorno und Horkheimer fließen Positivismus, Kapitalismus, bürgerliche Gesellschaft, Kulturindustrie, Technik, Faschismus dagegen in ein und demselben Unheils- und Untergangssyndrom zusammen, das irgendwie ein Ergebnis und eine Folge von Aufklärung sein soll. Bevor nun die Frage untersucht wird, weshalb nach Adornos und Horkheimers Ansicht die „Barbarei“ eine Folge der Aufklärung ist, möchte ich, wie oben angekündigt, zunächst klären, ob die „Barbarei“ (worunter ich hier vor allem den Totalitarismus verstehe, d.h. die Jazzmusik und das miese Filmangebot in amerikanischen Kinos bleiben vorerst außen vor) überhaupt eine Folge der Aufklärung ist.

[5] Als Beispiel für einen naturwissenschaftsorientierten Philosophen, der sich dem Nationalsozialismus zuwandte, könnte man Hugo Dingler nennen. Dingler kann dem Positivismus allerdings nur in einem sehr weitläufigen Sinn zugerechnet werden, da sein erkenntnistheoretischer Konventionalismus im Gegensatz zu den Auffassungen des logischen Empirismus stand. Im biographischen Teil des Standardwerkes von Friedrich Stadler über den Wiener Kreis, findet man keinen einzigen positivistischen Philosophen mit faschistischen Affinitäten (Stadler 1997)

[6] Vgl. dazu die Vorwürfe Eric Voegelins gegen den „destruktiven Positivismus“ (Voegelin 1952, S. 3ff.). Voegelin ist ziemlich bedeutungslos, aber seine Positivismuskritik lag in der Strömung des christlichen Humanismus durchaus im Trend.

[7] Noch in der Vorrede zur Neuausgabe der „Dialektik der Aufklärung“ heißt es: „Die in dem Buch erkannte Entwicklung zur totalen Integration ist unterbrochen, nicht abgebrochen; sie droht, über Diktaturen und Kriege sich zu vollziehen. Die Prognose des damit verbundenen Umschlags von Aufklärung in Positivismus, den Mythos dessen, was der Fall ist, schließlich die Identität von Intelligenz und Geistfeindschaft hat überwältigend sich bestätigt.“ (Adorno/Horkheimer 1947, S. IX/X) (Hervorhebung von mir, E.A.)

[8] Im Einklang mit der These, dass bereits der Mythos Aufklärung ist, könnte man die „Dialektik der Aufklärung“ auch so interpretieren, dass höchstens der Ritus und eventuell die Urmythen mimetisch sind. Aber auch eine solche These bliebe weitgehend Spekulation.

[9] Wobei aber sowohl im italienischen Faschismus wie in der Sowjetunion vor Stalin eine künstlerische Avantgarde durchaus ihren Platz hatte.

[10] Darauf verweist das Tocqueville-Zitat (Adorno/Horkheimer 1947, S. 141), welches allerdings zu denken gibt.

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