Foto von Eric Voegelin

Eric Voegelin (1901 - 1985): Politik­wissen­schaftler und Geschichts­philosoph

Foto: Eric Voegelin Archiv, München.

Obwohl seine wichtigsten Werke geistesgeschichtlicher bzw. geschichtsphilosophischer Natur waren, verstand Eric Voegelin sich selbst Zeit seines Lebens in erster Linie als Politikwissenschaftler. Er betrachtete es als seine vornehmste Aufgabe, mittels der Auslegung religiösen und philosophischen Schrifttums unser politisches Ordnungswissen wiederzuerwecken, welches sich - seiner Ansicht nach - auf eine authentische, durch die Worte der großen Denker und Propheten angeregte Transzendenzerfahrung gründen muss, und das uns - wie Voegelin glaubte - infolge neuzeitlicher geistiger Säkularisierungsprozesse weitgehend abhanden gekommen ist. Voegelin war überzeugt, dass die westlichen Gesellschaften allein auf diese Weise der Versuchung durch totalitäre Ideologien auf Dauer würden widerstehen können.

In seiner frühen Schaffensphase (bis 1938) neigte Eric Voegelin einem autoritären Konservativismus und zeitweise auch dem Fachismus zu. Auch wenn Voegelin zu dieser Zeit beileibe kein Demokrat war, so wurde er doch kein Nazi. Mit der Schrift "Die Politischen Religionen" (1938) wandte er sich erstmals gegen den Nationalsozialismus. Als Österreich wenige Monate nach deren Veröffentlichung dem Deutschen Reich angeschlossen wurde, musste Voegelin, der zu dieser Zeit in Wien lebte und wirkte, vor der Gestapo fliehen. Er emigrierte mit seiner Frau Lissy Voegelin nach Amerika, wo er in Baton Rouge in Louisiana Fuß fassen konnte. Die Zeit in Baton Rouge darf mit Fug und Recht als die wichtigste Schaffensphase in Voegelins Leben gelten: Hier entstanden die ersten drei Bände seines Hauptwerkes "Order and History", und hier verfasste er seine kämpferische Programmschrift: "Die neue Wissenschaft der Politik".

Das wesentliche Merkmal dieser Schaffensphase Voegelins ist seine entschiedene Hinwendung zum Christentum und zur antiken Philosophie. Hatte Voegelin bereits in den dreißiger Jahren mehr oder weniger deutlich einer Mythisierung der Politik das Wort geredet, so schält sich in Voegelins Denken nun mehr und mehr die christliche Religion in Verbindung mit einer sehr christlich interpretierten antiken Philosophie als der vermeintliche Wahrheitskern ("the true story") seiner politischen Mythologie heraus. Gleichzeitig verschärft sich Voegelins Polemik gegen die Säkularisierungstendenzen der Neuzeit, in denen er die Hauptursache für die Entstehung des Totalistarismus zu erkennen glaubt. Mag man diese naive Interpretation heutzutage auch belächeln, so muss man doch zugeben, dass die Hinwendung zum Christentum in den fünfziger Jahren durchaus das Recht ihrer Zeit auf ihrer Seite hatte. Nach den Exzessen des Nationalsozialismus war es zweifellos eine vernünftige Reaktion, sich wieder auf die christlichen Werte zu besinnen. Nur wird der vermeintliche Abfall vom Christentum dadurch noch nicht zu einer brauchbaren wissenschaftlichen Erklärung für das Auftreten des Totalitarismus.

Im Jahre 1958 kehrte Voegelin noch einmal nach Europa zurück, wo er für rund ein Jahrzehnt Politische Wissenschaft in München lehrte. Als er am Ende dieser Zeit wieder nach Amerika wechselte, wo er noch bis zu seinem Tod als Gelehrter wirken konnte, war Voegelin in Deutschland ziemlich aus der Mode gekommen. Dass er durchaus auch unter 68ern Anhänger fand, könnte mit seinem oft scharfen Moralismus zusammen hängen und damit, dass er die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands im Hörsaal recht offen zum Thema machte.

Voegelin starb 1985 in Palo Alto in Kalifornien.

Wer einen Einstieg in die Philosohpie Eric Voegelins sucht, dem empfehle ich zu Voegelins "Autobiographischen Reflexionen" zu greifen. Dieses Buch ist die wahrscheinlich am leichtesten zu lesende Einführung in Voegelins (Spät-)philosophie. Weitere Informationen zu Voegelin gibt es auf den Web-Seiten des Eric Voegelin Institute in Louisiana oder des Eric Voegelin Archivs in München.

Meine eigene Meinung über Eric Voegelin ist allerdings sehr kritisch. Ein Hauptproblem von Voegelins Ansatz sehe ich darin, dass seine religiös fundierte politische Philosophie darauf hinausläuft Menschen, denen ein Mangel an spiritueller Offenheit unterstellt wird, von der politischen Partizipation auszuschließen. Wollte man das in der Praxis umsetzen, so wäre das Ergebnis ein Gottesstaat, wie er im Iran herrscht. Und das obwohl zwischen dem Mangel an spiritueller Offenheit, wie Voegelin sie versteht, und politischer Gewalt augenscheinlich kein Kausalzusammenhang besteht. Für Vegelin war das Maximum an spiritueller Bewusstseinshelle ja im mittelalterlichen, vorreformatorischen Christentum erreicht worden. Dabei war auch das Mittelalter mit Ketzerverfolgungen, Hexenverbrennungen, Kreuzzügen und Judenprogromen durch ein hohes Maß an politischer Gewalt geprägt.

CC0 Soweit es gesetzlich möglich ist, verzichtet Eckhart Arnold auf alle Rechte an der Kurzbiographie Eric Voegelin (1901 - 1985): Politikwissenschaftler und Geschichtsphilosoph. Das Werk wurde in Deutschland veröffentlicht.