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Freie Assoziationen I

„Selbsterhaltung ist das konstitutive Prinzip der Wissenschaft, die Seele der Kategorientafel, auch wenn sie idealistisch deduziert werden soll wie bei Kant.“ (S. 94)

„Was Kant transzendental begründet hat, die Affinität von Erkenntnis und Plan, die der noch in den Atempausen durchrationalisierten bürgerlichen Existenz in allen Einzelheiten den Charakter unentrinnbarer Zweckmäßigkeit aufprägt, hat mehr als ein Jahrhundert vor dem Sport Sade schon empirisch ausgeführt. Die modernen Sportsriegen, deren Zusammenspiel genau geregelt ist, so daß kein Mitglied über seine Rolle einen Zweifel hegt und für jeden ein Ersatzmann bereit steht, finden in den sexuellen teams der Juliette, bei denen kein Augenblick ungenützt, keine Körperöffnung vernachlässigt, keine Funktion untätig bleibt, ihr genaues Modell.“ (S. 95)

Kritik: Selbsterhaltung ist sicherlich nicht das „konstitutive Prinzip der Wissenschaft“. Wissenschaft wird vielmehr erst möglich, wenn man von den unmittelbaren Zwängen der Selbsterhaltung befreit ist.

Dass die Philosophie Kants, ein Sportverein und die Sexorgien bei de Sade alle das Merkmal einer gewissen Planmäßigkeit gemeinsam haben, beweist nicht, dass das eine jeweils ein „genaues Modell“ des anderen wäre.

Notizen:

Auch ganz hübsch: „Juliette hat die Wissenschaft zum Credo. Scheußlich ist ihr jede Verehrung, deren Rationalität nicht zu erweisen ist... Angezogen wird sie von den Reaktionen, die von den Legenden der Zivilisation mit einem Bann belegt waren. Sie operiert mit Semantik und logischer Syntax wie der modernste Positivismus, aber nicht wie dieser Angestellte der jüngsten Administration richtet sie ihre Sprachkritik vornehmlich gegen Denken und Philosophie, sondern als Tochter der kämpfenden Aufklärung gegen die Religion.“ (S. 104)